Die Sehnsucht nach dem Tempel ist groß

Das katholische Sonntagsblatt hat Dekan Sigmund Schänzle zu, kirchlichen Leben in Zeiten von Corona interviewt. Das Interview wurde in dieser Aufgabe veröffentlicht, wurde aber geführt bevor klar war, dass Gottesdienste unterAuflagen wieder gefeiert werden dürfen. Andrea Wohnhaas führte das Interview

Herr Schänzle, wie wirkt sich Corona konkret auf das Leben in den Kirchengemeinden aus? 
Wir haben in diesem Jahr den Abschluss des Prozesses »Kirche am Ort, Kirche an vielen Orten gestalten« vorgesehen. Durch die aktuelle Situation hat der zweite Teil des Mottos, »Kirche an vielen Orten gestalten«, erst an Kraft und Schwung gewonnen. Es sind sehr viele Initiativen entstanden, um sich über die mediale Form gegenseitig zu ermutigen, zu stützen und zu tragen. Man kann feststellen, dass ein ungeheuer großes, kreatives Potenzial in den Gemeinden steckt. Unsere Kirche ist auch in der Krise lebensfähig. 

Gemeinschaft ist ein wesentliches Merkmal unseres Glaubens. Nun müssen wir auf Distanz gehen. Können Medien diese Gemeinschaft ersetzen? 
Die gebotene Distanz ist ein Störfaktor in der zwischenmenschlichen Beziehung, aber es muss jetzt eben so sein in dieser Notzeit. Es ist klar, miteinander zu feiern, gemeinsam zu beten, zu singen, sich von Angesicht zu Angesicht zu unterhalten, hat eine ganz andere Dimension als Kontakte auf Distanz oder über das Internet. Das ist gerade das Schmerzliche: Wir haben immer versucht, Menschen nahe zusammenzubringen, auch im Gottesdienstraum. Und jetzt muss man sagen: bleibt weg, haltet Abstand. 

Vor Corona wurde den Christen eine gewisse Glaubensmüdigkeit nachgesagt? Widerlegt das Virus jetzt diese Theorie? 
Es wurde immer wieder statistisch belegt, dass der Kirchenbesuch zurückgeht oder dass die Kirchen kurz vor dem Aus sind. Nach allem, was ich in meinem Umfeld höre, widerlegt Corona dies. Ich stelle derzeit eine große Sehnsucht nach dem Tempel fest. So wie sich das Volk Israel seit fast 2000 Jahren nach dem verlorengegangenen Tempel sehnt, dem Herzstück ihres Glaubens. Ich habe sehr viele Rückmeldungen von Menschen aus allen Altersschichten, die sich nach dem gemeinsamen Gottesdienst sehnen. Wir spüren das auch bei unseren Online gottesdiensten. Unsere Übertragungen wurden mehr als 8000 Mal aufgerufen, nicht nur live, sondern auch später noch. Ich weiß von vielen Familien, dass sie online mitfeiern. Wir geben jeden Sonntag auch die Sonntagstexte, Meditationstexte und Anregungen in die Runde. Das funktioniert wie ein Schneeballsystem, viele geben die Texte an Menschen in ihrem Umfeld weiter. Es kommen jeden Tag Mails von Menschen, die sich für die Impulse und die Unterstützung bedanken. 

Vielerorts gibt es jetzt Kirche im Kleinen. Sind Hauskirchen das Modell für die Zukunft?
Viele Familien haben jetzt die Hausgemeinschaften wiederentdeckt. Sie spüren: Wir sind eine Kernzelle der großen Gemeinschaft und können unseren Glauben auch im Kleinen leben und miteinander feiern. Bisher sind Familien oder Hausgemeinschaften in den  Gottesdienst gekommen, aber zu Hause war vom Glaubensvollzug nicht so viel da. Hauskirchen sind eine große Chance für den Glauben an den auferstandenen Herrn Jesus Christus, sie geben der großen Gemeinschaft als Kirchengemeinde wieder neuen Schwung und neue Kraft. Aber Hauskirchen allein sind nicht das Ziel. 

Ist Seelsorge im Moment überhaupt möglich? 
Seelsorge läuft im Augenblick überwiegend über das Telefon, und ich führe täglich viele Telefonate. Es gibt zunehmend Anrufe von verängstigten oder von psychisch labilen Menschen, die Unterstützung und ein gutes Wort brauchen. Es ist ein Schmerz, dass man die  Menschen nicht besuchen kann. Wir haben ja einen großen Stamm von Ehrenamtlichen, die normalerweise die Jubilare oder alte  Menschen besuchen und ihnen Glückwünsche überbringen. Das geht jetzt eben nur per Post. 

Was kann man für die Menschen im Pflegeheim tun?
Im Augenblick ist die Situation in den Altenheimen sehr schwierig aufgrund der Besuchs- und Ausgangssperre. Ich habe neulich in einem Altenpflegeheim – im Schutzanzug und mit Maske – eine Krankensalbung gespendet. An Ostersonntag habe ich vor dem Altenzentrum Goldbach der Elisabethenstiftung in Ochsenhausen den Ostersegen gebracht. Alle waren sie da. Die alten Menschen waren wie Trauben an ihren Fenstern und haben gewunken. Sie spüren schon, dass sie nicht vergessen sind und dass wir für sie da sind. 

Wie fühlen Sie sich gerade als Gemeindepfarrer ohne Gemeinde?
Es ist schon eine eigenartige, ganz fremde Situation, wenn man eine Messe mit einer Handvoll Leuten hält und in eine leere Kirche hinein predigen muss. Ich spüre die Gemeinde aber trotzdem und bin über die Medien mit vielen in Kontakt. Am meisten aber vermisse  ich die Ministranten bei den Gottesdiensten. Das habe ich ihnen auch in einem Brief geschrieben. 

Sind Sie derzeit als Priester einsam?
Zeit für Einsamkeit habe ich im Moment nicht, im Gegenteil. Diese Situation fordert mich noch mehr heraus als in normalen Zeiten. Wir haben eine Entdeckung gemacht: Wir sind als Pastoralteam enger zusammengewachsen, weil wir uns gegenseitig Aufgaben verteilen und kreativ überlegen, was wir noch anbieten können, um die Menschen zu erreichen. 

Könnte man diese kreativen Ideen auch künftig weiterführen? 
Durchaus. Wir überlegen jetzt, was wir in Zukunft von dem übernehmen, was wir gerade experimentieren und was bei den Menschen  angekommen ist. Kirche am Ort wird dadurch sicher ein anderes Gesicht bekommen. Themen wie der Synodale Weg, Kirche am Ort oder die Umbruchsituation der Kirche haben jetzt erst ihre Kraft und kreative Dimension erreicht.

Vor sieben Wochen waren die Kirchengemeinderatswahlen. Viele freuen sich auf ihre neue Aufgabe, und jetzt sind sie ausgebremst. Wie handlungsfähig sind die Gemeinden derzeit?
Das ist das größte Problem in der augenblicklichen Situation. Wir haben zwar neu gewählte Ratsgremien, sie sind aber noch nicht im  Amt, und wir haben uns noch nie in der neuen Konstellation treffen können. Gerade hängen alle in der Luft. Entscheidungen müssen wir jetzt im Verwaltungsausschuss oder auf der Verwaltungsebene treffen; wenn es dringende Angelegenheiten sind, mit  Umlaufbeschlüssen. Viele Entscheidungen werden einfach verschoben, bis die Gremien eingesetzt sind. 

Not lehrt beten. Können Christen diese Situation besser bewältigen als Menschen, die nicht glauben oder gleichgültig sind?
Viele Menschen schicken mir selbst formulierte Gebete oder Texte, die sie ansprechen. Ich denke, dass beten ein intensiver Hoffnungsbezug ist. Wer an diese Hoffnung, an die Auferstehung glaubt, hat einen anderen Halt und Rückhalt in dieser schwierigen Situation. Aber in Notsituationen kommen oft auch ominöse Gruppierungen mit magisch anmutenden und naiven Glaubensausprägungen zum Vorschein, bei denen man nicht nur vorsichtig sein, sondern auch gegensteuern muss.

Kann uns Corona etwas für die Zukunft lehren?
Jede Krise hat auch ihre Chance, und die sollten wir jetzt ergreifen. Die Mensch spüren: Wir sitzen im gleichen Boot, wir müssen uns gemeinsam den Herausforderungen stellen und wir sind füreinander da. Vielleicht ist ein Nebeneffekt der Krise, dass man wieder  bewusster lebt und merkt: Man kommt auch mit weniger aus.

Interview: Andrea Wohnhaas