Kirche benötigt eine "Re-form"

BIBERACH – Der Kirchenhistoriker Prof. Hubert Wolf referierte im ganz vollen Gemeindehaus St. Martin in Biberach über unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte. Rund 140 Zuhörerinnen und Zuhörer kamen zu dem Vortrag der Veranstaltungsreihe Zukunft der Kirche der kath. Erwachsenenbildung und der kath. Dekanate Biberach und Saulgau. Sein provokanter Titel: „Kollege Papst – Frau Kardinal?“. „Reform“ bedeutet für Wolf aber nicht, alles anders und neu zu machen sondern „Formen, die es schon gab wieder annehmen und wieder herstellen.“ Auf dieser Grundlage wagte Prof. Wolf einen Blick in die Kirchengeschichte, was früher schon alles möglich war.

Prof. Dr. Hubert Wolf

„Wenn Bischöfe sagen: ‚I dät scho gern, aber es war halt scho immer so.‘“, so muss Wolf wiederlegen, „dass die Geschichte zeigt, dass es nicht immer schon so war. „Kirche war nie ein Einheitskatholizismus, sondern war immer schon ganz breit aufgestellt.“ So konnte man bis ins 6./7. Jahrhundert nur einmal im Leben nach der Taufe beichten und das war ein öffentlicher Akt vor der Gemeinde. In Irland und Schottland entwickelte sich gleichzeitig die „Privatbuße“. Das besondere hierbei war, dass die Vergebung wurde hier auch von Mönchen und Nonnen erteilt, „da diese in ihrer Radikalität der Nachfolge Christi, einen Überschuss an Gnade hatten.“, erläuterte Wolf. „Es gab also zwei unterschiedliche Modelle gleichzeitig, ohne dass die Einheit gefährdet war.“ Heute stelle sich häufig die Frage nach dem Verhältnis von Rom zu den Ortskirchen. Was ist wichtiger. Wolf erläutert dabei das Prinzip der Subsidiarität: „Immer wenn die kleinere Gemeinschaft etwas nicht selbst lösen kann, holt sie sich von oben Hilfe. Papst Pius XII. hat  schon verdeutlicht, dass dieses Prinzip auch für die Kirche gilt.“ Papst Franziskus bezeichnete „Bischofskonferenzen als Form des authentischen Lehramts.“ Das bedeutet aus der Sicht von Prof Wolf: „Probleme sollen dort gelöst werden, wo sie entstehen.“

Hubert Wolf beleuchtete auch das Thema Frauen und erzählte von den Fürstäbtissinnen von Las Huelgas, die wie Bischöfe Priester im Gebiet ihrer Abtei einsetzten. „Die Äbtissinnen hatten sogar eine Mitra auf, einen Ring an und besaßen einen Krummstab. Als die Äbtissin geweiht wurde, kamen die umliegenden Bischöfe und gaben den brüderlichen Kuss.“, erläuterte Wolf. Damit erkannten sie die Äbtissin auch als Kollegin an. Fast 700 Jahre gab es Äbte und Äbtissinnen, die wir Bischöfe leiteten. „Warum gibt’s das heute nicht mehr?“, fragt sich Wolf.

Er freue sich, dass „Papst Franziskus einen Arbeitskreis eingeführt hat, um über das Frauendiakonat zu forschen.“ Aus seiner Sicht muss es in der Geschichte Diakoninnen gegeben haben, u.a. um Frauen zu taufen.

In der anschließenden Fragerunde, die von Wolfgang Preiss-John, dem Leiter der keb geführt wurde, kamen noch weitere Themen zur Sprache. Für Prof. Wolf hat die Kirche im Moment eine große Glaubwürdigkeitskrise und „Glauben verkünden geht nur mit Glaubwürdigkeit.“ Deswegen fordert er höchste Transparenz: „Wir brauchen Reformen. Wir müssen uns umwenden auf Christus. Alles, was Christus verstellt, muss aus dem Weg.“ Als Kirchenhistoriker sieht er aber auch optimistisch in die Zukunft: „Die Geschichte zeigt: Viele Krisen wurden überstanden. Der Heilige Geist weht, wo er will. Wir haben es selber mit in der Hand, dass Generationen nach uns die Botschaft Jesu hören. Wenn Gott auf unserer Seite ist, wer ist dann gegen uns?“